Dienstag, 17. Juni 2014

Rezension zu Wie bezaubert man einen Viscount? von Julia Quinn



Der begehrteste Junggeselle der Saison ist in diesem Jahr – sowie  auch in den vorangegangen Jahren, durch seine extreme Abneigung gegenüber der Ehe – Viscount Anthony Bridgerton. Doch anders als in den Jahren davor, ist er gewillt sich dieses Jahr unter den heiratswilligen Kandidatinnen seine zukünftige Angetraute zu suchen. Dabei legt er seinen Fokus einfach auf die aussichtsreiche Debütantin der Saison. Edwina Sheffield. Nur, um das Herz der jungen Dame erobern zu können, muss er sich erst einmal einen Weg in das Herz ihrer Schwester bahnen. Der klugen, aber leider nicht so atemberaubend schönen Kate Sheffield. Denn ohne deren Erlaubnis – so verkündete Edwina es einst auf einem Konzertabend – würde sie keinen Mann jemals ihr Ja-Wort geben. Leider gibt es da aber ein kleines Problem. Die gute Kate hält nichts von Weiberhelden und einen eben solchen Ruf genießt der werte Viscount. Also tut sie alles in ihrer Macht stehende, um Edwinas hartnäckigsten Anwärter, um deren Hand, zu vergraulen. Schlecht, dass sie dabei nicht nur zeitweise ihre guten Manieren vergisst, sondern auch in Gefahr gerät, die Zeit mit ihm zu genießen. Ebenso ergeht es Anthony, der an den kratzbürstigen Auseinandersetzungen mit Kate von Mal zu Mal mehr Gefallen findet, als er eigentlich sollte.

Das Buch besticht durch seine vielen kleinen Szenen, die einen ständig über die viktorianische Gesellschaft schmunzeln lassen. Besonders amüsant ist dabei die Tatsache, dass die Geschichte nicht nur aus der Sicht von Kate Sheffield geschrieben ist, der einen Protagonistin, sondern auch aus der Sicht von Anthony, der zweite Protagonist. (Der Sichtwechsel hat mich auch besonders beeindruckt, weil er an den perfekten Stellen statt findet und mit einer Präzision durchdacht ist die Seinesgleichen sucht.) Es ist einfach herzerwärmend, wie die beiden mit einander streiten und sich dabei Wortgefechte liefern, die mich das Buch keine Sekunde aus der Hand haben legen lassen. Ständig ertappte ich mich dabei, mir zu wünschen die beiden würden sich erneut treffen, um sich wieder streiten zu können. Sie sind eben eines dieser Paare, die nicht ohne einander, aber auch nicht miteinander können. Naja zu Beginn. Im Laufe der Geschichte werden alte Wunden aufgerissen, die die beiden stärker zusammenschweißen. Aber ihre Fehler machen sie nur authentischer und liebenswerter, als sie sowieso schon sind. (Ich finde es einfach urkomisch wie die beiden miteinander streiten und ihnen dann die abwegigsten Argumente einfallen. Am Anfang dachte ich, Gott was für ein Kitsch, bitte nicht noch mehr, doch dass war es dann gar nicht sondern eher eine romatisch-witzige Liebesgeschichte mit Höhen und Tiefen. Das alles nicht in unserer Zeit spielt macht das ganze nur noch besser. Die Bälle sind grandios dargestellt und ich wünsche mich jedes mal in das Buch. Handlung und Handlungsort passen perfekt zusammen und machen alles nur noch spannender.)
Aber es gibt noch eine andere wichtige Rolle in dem Buch, die allerdings ihre Identität geheim hält. Ich rede von einer Klatschkolumnistin, die anonym, mehrmals die Woche, Ausgaben ihres Gesellschaftsjournals veröffentlicht. Eben diese Dame – bekannt als Lady Whistledown – bekommt an jedem Anfang eines Kapitels ihren Platz in der Geschichte. Witzig, unglaublich sarkastisch und einfach unterhaltsam schildert sie kurz, was in dem kommenden Kapitel passiert. Manchmal stellt sie auch Spekulationen an, die es an Raffinesse und Spitzfindigkeit nicht mangeln lassen. Besonders diese Abschnitte haben mir SEHR gut gefallen. Diese Dame bringt Schwung in die Geschichte und anders, als andere Kolumnisten dieser Zeit benutzt sie schamlos die vollständigen Namen der Akteure in ihren Artikeln. (Da kann ich nur zustimmen. Ich hab mich auf jedes neue Kapitel gefreut und konnte es kaum erwarten. Ich glaub es gab keinen Kapitelanfang bei dem ich nicht schallend lachen musste. Ihr Sarkasmus und ihre Ironie sind genau auf meinem Niveau:D Das kann man jetzt auslegen wie man will.)
Aber auch die Nebencharaktere, die Mutter von Anthony – Lady Bridgerton -, die Mutter von Kate – Mary Sheffield, und die allseits bekannte, aber nicht sehr geliebte, größte Tratsch-Tante von ganz Mayfair – Mrs. Featherington – und viele mehr, bekommen ihren Platz in der Geschichte. Mich hat vor allem fasziniert, wie gut jeder einzelner Charakter ausgearbeitet war. Nicht im vielschichtigen Sinne, sondern in seiner Klarheit und Beständigkeit, die es mir einfach machte in das Geschehen hineinzukommen. Im Prinzip macht keiner der Nebencharaktere eine Entwicklung durch, allein Kate und Anthony verändern sich, durch ihre Liebe zu einander, doch das hat mich keineswegs gestört. So lag der Fokus klar auf den beiden und es wurde nicht lange vom Hauptstrang der Geschichte abgeschweift. Für einen Liebesroman finde ich das durchaus angebracht. (Das hat mich auch beeindruckt. Obwohl es zum Teil nur ganz kleine Charaktere waren, schien die Autorin jeden Charakter bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und gezeichnet zu haben. Es gab keine Widersprüche und alles war in sich total stimmig und lies keinerlei Zweifel zu, dass hier etwas nicht durchdacht wäre.)
Die Gesellschaftlichen Anstandsregeln dieser Zeit werden bravurös abgebildet und geschichtsgetreu eingehalten. Damit meine ich sowas wie, verschiedene Knickse (die Mehrzahl von Knicks?????), die korrekte Anredeform und so weiter. (Ich kenn mich damit nicht so gut aus, aber auch für mich schien alles realistisch dargestellt zu sein und ich blieb an keiner stelle hängen.)
Der Schreibstil ist flüssig und sehr blumig, was den ausschweifenden Beschreibungen der Zeit gerecht wird. Ich persönlich bin ein großer Jane Austen Fan und würde diese Art des Schreibens in eben jene Kategorie stecken. Wer also die teilweise verworrene, aber mit einer unbestreitbaren Logik behafteten, Sprache in Büchern, wie Stolz und Vorurteil, lieben gelernt hat, wird sich hier gut aufgehoben und unterhalten fühlen. (Ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Der Schreibstil ist so eicht und mitreisend. Teilweise war es mir leider etwas zu ausschmückend und erzählend, ich mag lebhafte Konversationen lieber. Muss aber sagen, dass ich mich nie auch nur im Entferntesten Gelangweilt habe. Denn nach den wirklich guten Gesprächen war eine Verschnaufpause manchmal ganz gut.)
Der Verlauf der Geschichte beginnt sehr rasend und nimmt eigentlich, bis zum Mittelteil, nur an Tempo zu. Mehr Bälle, mehr Begegnungen, mehr Streitereien. Aber dann gibt es einen großen „Cut“ und man denkt: Ok, und was jetzt? Im Prinzip sollte das Buch an dieser Stelle doch zu Ende sein.
Wie man es eben klassischerweise von einem historischen Liebesroman erwarten würde. Doch überraschenderweise ging es weiter und weiter. Und ich hatte einfach keine Ahnung, in welche Richtung die Autorin mich im nächsten Kapitel mitnimmt. Das war köstlich und gleichzeitig frustrierend. Wie ein bittersüßes Gefühl, das dem Lesen den nötigen Kick verlieh.

Zuletzt sollte noch gesagt werden, dass „Wie bezaubert man einen Viscount?“ der zweite Teil einer insgesamt achtteiligen Reihe ist, die sich in jedem Band mit einem anderen Bridgerton beschäftig. So hat Anthony sieben Geschwister, die ebenfalls ein „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ bekommen werden.
Daphne, Anthony, Benedikt, Colin, Eloise, Francesca, Hyacinth und Gregory.
Leider habe ich zuerst den zweiten Teil gelesen, der erste Teil geht über Daphne und einen gewissen Duke of Hastings, aber das macht gar nichts. Man kann die Teile jeweils auch getrennt voneinander lesen.

Fazit: Die in der Autorenbeschreibung als „zeitgenössische Jane Austen“ betitelte, Julia Quinn, bekommt für „Wie bezaubert man einen Viscount“ 5 von 5 Rosen von mir. Dieses Buch hat alles, was ein historischer Liebesroman braucht: Witz, gute Dialoge, eine ungewöhnliche Wendung, affektierte Nebencharaktere und eine ordentliche Portion Drama. Ich kann es nur jedem empfehlen.

Fazit: Anthony ist bisher mein Lieblingsband und ich hab schon fast alle gelesen. Die Dialoge sind gezeichnet von einem Humor, den ich überragend finde. Der Schreibstil hat mich einfach nicht mehr losgelassen und die Handlung war super durchdacht und wirklich gut beschrieben. Von mir bekommt das Buch daher auch 5 von 5 Schneeflocken. Absolute Leseempfehlung für jeden Jane Austen Fan!


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Der Cora-Verlag
(in jeweils beiden Verlagen fand die Autorin ein Zuhause für ihre Bücher)


Alles Liebe
Eure Rosenrot und Euer Schneeweißchen

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