Montag, 24. März 2014

"Vor uns die Nacht" von Bettina Belitz


Wir tun uns wirklich schwer mit dieser Rezension. Haben lange überlegt, diskutiert und uns nun doch durchgerungen eine zu schreiben. Kein anderes Buch hat es bisher geschafft uns so sehr zu entzweien. Meistens waren wir uns ziemlich einig, oder zumindest konnten wir die Meinung des anderen nachvollziehen, doch bei „Vor uns die Nacht“ war das anders. Ich liebe das Buch. Es hat mich total beeindruckt und zum nachdenken gebracht. Rosenrot hingegen hasst das Buch fast schon ;) Konnte kaum etwas davon nachvollziehen. Wir beide fühlten uns eigentlich außer Stande etwas darüber zu schreiben, was bei mir nicht in, 'ich kann euch gar nicht sagen wie gut es ist' und 'ähm' und 'öhm' und bei Rosenrot in 'Ich kann das einfach nicht nachvollziehen' geendet hätte. Doch nun, hier ist sie, die Rezension, die es für mich nicht geben sollte, da ich nicht im geringsten ausdrücken konnte wie viel es mir gebracht hat. Ich bin damit gewachsen, hab mir über mich selbst Gedanken gemacht. Doch ich finde es mitzuteilen wenn man etwas gut findet, damit andere vielleicht auch etwas davon haben, daher hier unsere Rezi:

Diesen Standpunkt kann ich nur untermauern. Wir waren uns so unneinig wie nie. Deswegen glaube ich ist es nötig an dieser Stelle eine Warnung auszusprechen. An alle Leserinnen da draußen, die „Vor uns die Nacht“ bereits gelesen und das Buch geliebt haben: Wenn ihr nur in unseren Blog reinschnuppern wolltet, um zu erfahren, was ich so über das neue Buch von Bettina Belitz denke, dann hört an dieser Stelle bitte auf zu lesen. Denn auch wenn eigentlich totale Objektivität bei einer Rezension angebracht ist, konnte ich diese nicht vollkommen wahren und das im negativen Sinne. Also tut euch einen Gefallen und lest nur die Rezension von Schneeweißchen ohne meine Kommentare.
Für alle anderen: Wohl bekomms.
UND: In fast allen meinen Kommentaren sind spoilerartige Andeutungen enthalten, also VORSICHT!!!

Schon wieder eine gescheiterte Beziehung. Für die 21 jährigen Ronia bricht eine Welt zusammen und sie fällt in ein tiefes schwarzes Loch. Warum schafft sie es nicht Beziehungen aufrecht zuhalten? Was macht sie nur falsch? Auch ihre Familie und ihre Freunde können sie nicht aus diesem Loch ziehen. Zu alledem ist auch noch Weihnachten, das Fest der Liebe. Doch Ronia weiß wie sie es sich erträglicher machen kann. Sie betrinkt sich in einer Kneipe im Dorf. Und dann, auf einmal ist er da, Jan. Und Ronia weiß eins, dieses mal soll es anders werden. Nie wieder soll sie ein Typ so sehr verletzten können wie ihr Ex. Ab sofort will sie nur Spaß, mehr nicht. Keine Gefühle.
Ihre Freunde und ihre Familie warnen sie vor Jan. Sie soll sich von dem attraktiven, drogenabhängigen Kriminellen fern halten. Doch für Ronia scheint das keine Möglichkeit zu sein, denn irgendetwas zieht sie zu ihm. Gegen alle Warnungen trifft sie sich mit ihm und sie lernen sich besser kennen. Aber eins schafft sie nie, ihn zu durchschauen. Dabei ist ihr gerade das so wichtig. Doch dann kommt eins zum anderen und Ronias Welt scheint erneut aus den Fugen zu geraten. Aber wird ihr Jan zur Seite stehen?

Allein der erste Satz hat mich schon in seinen Bann gezogen.(SPOILER) „Für einen Flügelschlag unserer Seelen halten wir inne. Zeit löst sich auf. Alles wird ewig.“ („Vor uns die Nacht“ von Bettina Belitz. Anfang)(SPOILER ENDE) Und ab da konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Gar nicht mehr. Ich hab es an einem Stück durchgelesen. 
Zu Anfang des Buches erging es mir da genauso. Ich war voller freudiger Erwartung, an die neue Gesichte von Frau Belitz herangegangen, da ich ihre vorangegangenen Roma sehr geliebt und geschätzt habe. Allen voran: Linna singt.
Gestartet bin ich also mit einem positiven Grundgefühl, wieder begeistert zu werden.
Doch leider hat das, anders als bei Schnee, schnell ins Negative umgeschlagen. Ich versuchte noch teilweise Ronia zu verstehen, warum sie so handelte wie sie handelte und warum sie so dachte wie sie dachte, aber ab einem gewissen Punkt ging mir das total ab.
Immer mehr bekam ich das Gefühl, dass sie mit sich selbst im Unreinen ist und noch etwas zu klären  hatte. Aber auf diesem Weg der Selbstfindung, der Liebe zu sich selbst und zu ihren Mitmenschen verkennt sie nicht nur sich, sondern auch ihre Freunde.
Ronia und ich wurden sofort warm miteinander und ich fand daher gleich in die Geschichte rein, die mich dann auch nicht mehr losgelassen hat. Der Schreibstil der Autorin empfand ich wie gewohnt als sehr leicht und fließend, gleichzeitig aber auch als tiefsinnig und mitfühlend. Vor allem die poetisch angehauchten Szenen haben es mir besonders angetan und zeigten mir aufs neue, wie sehr ich den Schreibstil der Autorin liebe.
Durch andere Bücher von Bettina Belitz kannte ich ebenso wie Schnee schon den Schreibstil der Autorin. Der grundlegend gleich geblieben ist – nämlich fesselnd, spannend und gut formuliert – doch in diesem Fall wurde ich knallhart enttäuscht. Wahrscheinlich ist es auch nicht der richtige Ansatz, sich auf gewisse Dinge beim Lesen zu verlassen, bevor man das Buch überhaupt angefangen hat. Das baut nur Erwartungen auf, die, wie in diesem Fall, nur allzu leicht zerstört werden können. Aber gerade das ist mir bei diesem Buch passiert und ich empfand das lesen als anstrengend, langweilig und teilweise nur als lästige Aufgabe, weil ich eben am Ende darüber schreiben musste. Bestimmt hätte ich den Schreibstil aber auch besser bewertet, wenn mir die Geschichte an sich und vor allem die Protagonistin nicht so total unsympathisch gewesen wäre.
Sie machte es für mich ziemlich einfach die Charaktere kennenzulernen. Besonders Ronia. Wir waren sofort auf einer Welle und ich hab mit ihr gelitten und mich mit ihr verändert. Ich glaube das ist mir bei keinem anderen Buch so extrem ergangen wie bei „Vor uns die Nacht“. Durch die Situation am Anfang, dass Ronia schon wieder verlassen wurde und sich klein und unbedeutend fühlt, hab ich sie sofort verstanden. Auch ich habe so etwas schon erlebt. Doch während des Buches macht sie eine total krasse Wandlung durch, entwickelt sich weiter, lernt sich selbst neu kennen und dabei steht ihr Jan zur Seite. Durch ihn kann sie aus ihrem Alltag, in dem sie gefangen war, ausbrechen und über sich hinauswachsen. Sie hat mich regelrecht beeindruckt und ich bewundere ihre Stärke und wünsche mir ein bisschen was davon. Im Mittelteil hatte ich aber etwas Probleme mit ihr. Sie fixiert sich auf Jan, vergisst alles andere, vernachlässigt Freunde und Familie. Macht es falsch, fällt, steht dann jedoch wieder auf und macht es besser. Das war einer der Gründe wieso ich sie so echt finde. Sie macht einen Fehler, wie jeder andere, doch dann sieht sie ein was sie getan hat, bessert sich und entwickelt sich weiter.
Ich fand Ronia schlicht und einfach nur anstrengend und nervtötend. Zeitweise habe ich sogar überlegt das Buch abzubrechen, weil ich mit ihrer Art einfach nicht klar kam.
Warum wundert sie sich beispielsweise immer wieder über die Abweisungen ihrer Freunde, wenn sie sie selbst verursacht hat? Sie hat ihren Blick nach Innen gerichtet und das schließt nun mal alles außerhalb aus. Is doch klar, dass Freundschaft eine wechselseitige Beziehung ist und wenn sich einer der Parteien irgendwann um den anderen nicht mehr schert, dann passiert das auf der anderen Seite genauso.
Was mich auch irritiert hat sind Ronias ständige Widersprüche. Auf der einen Seite hat sie Angst sich zu binden, einem Typen zu vertrauen, durch ihre negativen Erfahrungen. Aber auf der anderen Seite macht sie ihre Gefühlwelt, ihre Gedanken und ihre Handlungen zu 100 Prozent von Jans Worten und/oder Taten abhängig. Was tut er? Warum meldet er sich nicht? Was fühlt er, was denkt er,….?
Tausend Fragen über ihn und seine Person, die sie von der einen Depression in die nächste stürzen. Ist das Innkehr zu sich selbst????
Das mag hart klingen aber manchmal habe ich mich schon gefragt: „Sind Ronias Gedanken vollkommen leer, wenn sie grad mal nicht über einen Typen nachdenken kann?“
Das ist erschreckend und die Tatsache, dass sie, bis Jan kam, sich von der einen Beziehung in die nächste gestürzt hat untermauerte meine Vermutung nur noch.
Sie ist einfach so viel und so oft mit ihren mannigfaltigen Ängsten beschäftigt, dass sie sich dabei selbst immer mehr runterzieht und irgendwann als Trauerklos in der Ecke sitzt, nur noch beschäftigt mit ihrem Selbstmitleid.
Aber Ronia ist ja nicht dauerverzweifelt. Sie taucht manchmal aus ihrem Elend auf, nämlich wenn Jan ihr schreibt oder es Freitag ist und sie ihn sehen kann. Dann findet sich sich urplötzlich wieder wunderschön, sexy, ist selbstbewusst und betrachtet ihre „leuchtenden Augen“ im Spiegel.
Das ist bestimmt Einstellungssache, aber darauf dachte ich nur ein feministischen: Oh man! Und dafür haben Millionen von Frauen Generationen über gekämpft?
Dieses ständige über-ihn-Nachdenken mag damit zusammenhängen, dass die Geschichte vor allem an Freitagen spielt, aber da stellt sich mir automatisch die Frage: Was passiert in der Zeit dazwischen?
Fast nie wird darüber ein Wort verloren. Dieses Konzept ist an sich interessant, weil es diese ganze Atmosphäre zwischen den beiden verdichtet, aber dafür leidet die Spannung und die Handlung an sich. Denn diese großen „schwarzen Löcher“ haben meinen Eindruck nur unterstrichen, dass Ronia in einer männerfixierten Welt lebt.
Aber auch alle anderen Charaktere fand ich sehr gut nachvollziehbar und dargestellt. Sowohl die Haupt- als auch alle Nebencharaktere sind wirklich tiefsinnig und echt skizziert. Von Ronias bestem Freund bis hin zu ihrer Mutter. Jeder hat seine eigene Geschichte und sein eigenes Päckchen zu tragen. Man erfährt immer stückchenweise was wirklich hinter der Fassade der glücklichen Pfarrersfamilie steckt, manchmal fühlte ich mich sogar wie ein Detektiv auf Spurensuche.
Da kann ich ausnahmsweise Schnee zustimmen. Die Nebencharaktere an sich fand ich wirklich gut ausgearbeitet und authentisch. Allen voran Jan, der mit seiner Ehrlichkeit und Klarheit einer meiner Lieblinge war. Auch die beste Freundin Johanna hatte ich während ihrer kurzen Auftritte sofort lieb gewonnen.
Doch auch hier, war das Buch aus der Sicht von Ronia und diese verdarb mir somit wieder komplett die Lust am weitren kennen lernen von Jan, Johanna und Ronias Familie.
Der langsame „Ausbruch aus dem Elternhaus“ ist verständlich und ihre Ambitionen sind nachvollziehbar und klar, aber ihre melodramatischen Auftritte und die vielen selbstmitleidigen Gedanken haben mich nur noch die Augen verdrehen lassen. Sie ist im Begriff sich abzukapseln und sich selbst neu zu erfinden. Das ist ein komplizierter Prozess, aber nichts, was nicht jeder andere Mensch auch im Leben irgendwann tut.
Ich mein, ich kann ja gut verstehen, dass sie sich etwas Neues, Außergewöhnliches im Leben wünscht. Weg von ihrem alltäglichen Leben in der Heimatstadt, aber eine Rebellion mit Kollateralschäden? Da bin ich dagegen. Denn es geht ja nicht um irgendwelche Leute, sondern ihre Freunde, die sich lieben, schätzen und immer unterstützt haben. Da allen voran Jonas, er liegt ihr nicht mehr wie ein hechelnder Welpe zu Füßen und sie wundert das dann – WAS, bitte? Ronia schafft es in dem ganzen Buch ja nicht einmal Jonas zu fragen, wie es ihm geht. Ihre Reaktion darauf: Sie hat schon wieder Angst und zerfließt in Selbstzweifeln, schwülstige Formulierungen inklusive. Dabei vernachlässigt sie nicht nur ihre Freunde, sondern auch ihre Leidenschaft, die Archäologie. Ich dachte wenigstens das wäre ihr nicht egal. Erhofft hatte ich mir an der Stelle vielleicht ein bisschen etwas über ihre Arbeit generell, eine Vorlesung, ein Gespräch mit einem Kommilitonen, irgendwas! Gehofft hab ich vergeblich.
Neu für mich war die tiefere Ebene die die Autorin einfließen lässt. Jan bezeichnet Ronia als Hexe und sie kann ihm bis in die Seele blicken. Ich muss zugeben, durch die für mich ziemlich wenigen Informationen die im Buch selbst aufkommen hab ich diesen Aspekt des Buches wahrscheinlich nicht in Gänze verstanden. Hier hätte ich mir noch etwas mehr Informationen und genauere Darstellungen gewünscht. Doch da Jan nie etwas erklärt, weiß Ronia natürlich selbst nicht wirklich viel über das Thema, daher war auch dieser Aspekt für mich eher authentisch als hinderlich.
Gut fand ich auch, so wie Schnee es empfunden hat – ja echt jetzt -, dass sich die Dynamik der beiden, wenn sie sich begegneten immer verändere. Ronia war eine andere bei Jan und diese Ronia hat mir besser gefallen. Genauso wie das Austauschen aussagekräftiger Blicke oder das friedliche Schweigen nebeneinander. Das war gut in Szene gesetzt und authentisch umschreiben.
Abschließend konnte ich nur denken. Sie ist eben keine Kämpfernatur, was ja absolut in Ordnung ist, denn jeder ist mal schwach. Aber dieses Mädchen erklärt sich selbst für tot, aufgrund einer Diagnose, die sie noch nicht mal erhalten hat. Es gibt eben Leute, die kämpfen und es gibt Leute, die es nicht mal versuchen. Und das hat mich sehr wütend gemacht.
Allein das Ende hat für mich das Buch gerettet.
Ronias allmählicher Sinneswandel macht sie von einem wimmernden ängstlichen Elend zu einer normalen jungen gefestigteren Frau, die ich sogar ein bisschen gern haben konnte.
Natürlich haben sich ein paar Dinge auch so aufgeklärt, aber es war eine Qual sich durch die ewigen Monologe zu lesen, die für mich so oft keinen Sinn gemacht haben.
Vor allem die letzten 50 Seiten waren dabei eine Wohltat. Endlich passierte mal etwas, das der Gesichte auftrieb gab und so erkannte ich die gewollte Tiefsinnigkeit in der Liebe zwischen Ronia und Jan. Das fand Anklang in mir. In meinem Kopf bleibt sie wohl das Mädchen am Meer und anders möchte ich sie nicht in Erinnerung behalten.

Fazit: „Vor uns die Nacht“ bekommt 5 von 5 Schneeflocken. Ein Meisterwerk das es sich lohnt zu lesen. Die Autorin trägt den Leser durch die wundervolle Geschichte die einen nicht mehr los lässt und zum nachdenken bringt. Ein Roman der es in sich hat und nichts für zwischendurch ist.

Fazit: Von mir bekommt das Buch klägliche 2 von 5 Rosen. Und diese gebühren alleine dem Ende der Geschichte, das mich davor bewahrt hat das Buch genervt in die Ecke zu schleudern. Aber an sich will ich das Buch nicht nochmal lesen und würde es niemandem empfehlen. Das mag hart klingen, ist aber ehrlich.  

Alles Liebe
Euer Schneeweißchen und Eure Rosenrost

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