Montag, 16. Dezember 2013

Tag 16: Eine besondere Überraschung für Alex von Sandra Regnier

Einen wunderschönen 16.ten Dezember! Mit großer Freude dürfen wir euch heute Sandra Regnier präsentiere. Viel Spaß damit.

Eine besondere Überraschung für Alex


Meine Güte, da hinten stand er schon wieder.
Der Neue. Der, der erst seit drei Wochen an unserer Uni war. Er war mir unter all den Studenten aufgefallen, weil er seine Pause in der gleichen Ecke verbrachte wie meine Freunde und ich.
Er käme aus Amerika, wurde überall erzählt. Aus Kalifornien genaugenommen und er sah auch aus wie ein Schauspieler. Braun gebrannt, perfekt frisiert, perlweiße Zähne und durchtrainiert, dass man sogar unter der dicken Daunenjacke den Sixpack erahnen konnte. Zum Glück wirkte sein Gesicht etwas kantiger und seine Nase hatte einen Höcker, als wäre sie einmal gebrochen gewesen und nicht gerichtet worden. Ansonsten hätte er einfach zu gut ausgesehen. Trotzdem strahlte er etwas aus.
Er wurde von sieben Mitschülern umringt. Wie immer. Ich wusste nicht mal seinen richtigen Namen. Meine Freundin Ilona hatte aufgeschnappt, er heiße Kevin. Aber sicher war sie sich nicht.
„Hi Alex, ich möchte auch eine Waffel. Gibt es bei euch auch Glühwein? Ich wette mit dir, es schneit heute noch.“
Ich sah Martin mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wie wär‘s mit einem Kaffee oder Tee? Alkohol ist hier nicht erlaubt.“
„Puh, wie langweilig.“ Martin grinste hinter seinen dicken Brillengläsern. „Dann einen Kaffee. Ich gehe davon aus, Cappuccino kommt auch nicht in Frage.“
„Da steht Vollmilch. Bedien‘ dich.“ Ich schenkte ihm einen Kaffee aus der Thermoskanne ein. Ilona neben mir hatte schon den Waffelteig auf dem heißen Eisen verteilt. Das mit dem Schnee war nicht ausgeschlossen. Der Himmel war düster verhangen und wir trippelten von einem Bein aufs andere, damit uns die Füße nicht einfroren.
„Bekommt ihr genug für das Kinderhospiz zusammen?“, fragte Martin und schlürfte laut an seinem Kaffee. Er deutete auf das selbstgebastelte Reklameschild über unserem Stand. Es wackelte leicht im eisigen Wind.
Ich warf einen Blick in die Kasse. „Es ist dürftig“, antwortete ich seufzend.
„Wenn jemand wie der Neue hier Waffeln verkaufen würde, wäre die Kasse bestimmt voll“, sagte Ilona und sah sehnsüchtig zu der Gruppe hinüber in deren Mittelpunkt er stand. Jetzt lachten alle laut auf über etwas, das er gesagt hatte. Ilona streute dick Puderzucker auf die fertige Waffel und reichte sie Martin.
„Wie wär’s, Alex, soll ich ihn fragen?“ Martin sah mich auffordernd an.
„Das wäre Alex bestimmt recht“, antwortete Ilona statt meiner. „Sie begafft ihn, seit der an der Uni ist.“
Ehe ich das verneinen konnte, hatte sich Martin umgedreht. Ich wollte ihm noch nachrufen, dass auf dem zarten Pflaum über seiner Oberlippe der Puderzucker klebte, aber er war schon zu der Gruppe getreten. Ich sah das hämische Grinsen in den Gesichtern rund um den Neuen. Ilona und ich konnten nicht hören, was Martin sagte, aber auf einmal drehten sich alle zu uns um.
Einschließlich dem Neuen. Er sah mir direkt in die Augen.
Prompt schoss mir das Blut in die Wangen. Die leuchteten jetzt bestimmt knallrot – und das nicht vor Kälte. In diesem Moment begann es zu schneien.
„Sollen wir einpacken?“, fragte Ilona mit Blick gen Himmel. Sofort runzelte sie die Stirn. „Wer hat da eigentlich das Unkraut hingehangen?“
„Hallo. Ich habe gehört, ihr braucht Hilfe?“ Die Stimme war dunkel und freundlich. Der Neue stand vor mir und sah mich an.
Ich starrte zurück.
„Ich würde euch gern helfen. Ich finde es toll, dass ihr den kranken Kindern helfen wollt.“ Jetzt lächelte er mich an und Ilona versetzte mir einen schmerzhaften Boxhieb gegen meinen Oberarm.
„Äh, super, Kevin. Das ist reizend“, stotterte ich und hätte mich am liebsten sofort geohrfeigt. Reizend! Das hätte vielleicht Jane Austen gesagt, aber doch keine Studentin im 21. Jahrhundert.
„Ich heiße Eric. Was soll ich tun?“
Heute war anscheinend mein Fettnäpfchentag. Also schloss ich kurz die Augen, zählte bis drei (zehn dauerte mir zu lange) und dann lächelte ich gequält zurück. „Du könntest vielleicht mit dem Schild ein wenig hausieren gehen, um auf uns aufmerksam zu machen.“
„Kein Problem.“ Er löste vorsichtig das Plakat aus seiner Halterung.
„Übrigens, ich heiße Alexandra“, sagte ich, ehe er sich auf den Weg machte. „Aber alle nennen mich Alex.“
Er drehte sich noch einmal zu mir um und lächelte mich warm an. „Ich weiß.“ Dann ging er. Und ließ mich und Ilona völlig perplex zurück. Allerdings konnten wir nicht lange staunen, denn schon nahm der Andrang zu.


Zwei Stunden später waren 40 Liter Waffelteig und fast genauso viel Kaffee und Tee verkauft. Ilona und ich hatten sämtlichen Teig für die nächsten drei Tage verkauft. Die Kinder im Hospiz würden sich über ein paar hübsche Weihnachtsüberraschungen freuen können.
Die Schneeflocken fielen stärker als Eric mit dem mittlerweile durchweichten Plakat zurückkam. „Und?“
Ich strahlte ihn an. „Du bist der Held des Campus‘. Alles ausverkauft. Und das zwei Tage früher als erwartet. Falls überhaupt je erwartet.“ In seinen Haaren hatten sich die Flocken niedlich verteilt.
Er zwinkerte. „Und ich dachte, du wolltest einfach nur geküsst werden.“
Sofort fühlte ich wieder alle Hitze in meine Wangen steigen. „Wie kommst du darauf?“ Wieso war meine Stimme auf einmal so kratzig und atemlos?
Er deutete mit dem Zeigefinger nach oben. Ich folgte mit meinem Blick. Da hing das grüne Gestrüpp. Von wegen Gestrüpp. Das waren Misteln! Das war Martin gewesen. Garantiert! Mit Ilonas Unterstützung.
Bevor ich mich rühren konnte, stand Eric ganz dicht vor mir. Er beugte sich vor und berührte mit seinen Lippen meine.
„Na dann. Frohe Weihnachten, Alex“, murmelte er und sah mir tief in die Augen. „Schön, dass ich helfen konnte. Morgen wieder?“
Und übermorgen. Und überübermorgen, hätte ich am liebsten gerufen. Aber ich verkniff es mir und nickte nur lächelnd.

Copyright des Textes: Sandra Regnier


 Vielen Dank liebe Sandra für deinen wundervollen Beitrag!

 
(Copyright: Sandra Regnier) 


Liebe Sandra, was wünscht du dir denn dieses Jahr zu Weihnachten?
Ich wünsche mir für Weihnachten ein Buch. Kein Scherz. Ich bekomme nie eines zu Weihnachten oder zum Geburtstag geschenkt. Deswegen ein Buch.





Der Text ist geistiges Eigentum des Autors und daher liegt das Copyright bei dem Autor.

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