Samstag, 14. Dezember 2013

Tag 14: Die neue Krippe von Heidemarie Brosche

Yuhuuu :) 

Die neue Krippe

Die gefällt mir nicht“, sagte Miriam und starrte missmutig auf das Ding, das Mama aus der großen Einkaufstüte geholt hatte. „Ich will die alte wieder haben. Die, die Papa gebaut hat.“
Und ich kann sie nicht mehr sehen“, setzte Mama heftig dagegen. „Ich will mich nicht auch noch an Weihnachten ärgern.“
Miriam stöhnte. Seit Papa ausgezogen war, verstand sie Mama manchmal nicht. Alles, was mit Papa zu tun hatte, war für sie ein Grund zum Ärgern. Aber über eine Krippe musste man sich doch nicht ärgern. Noch dazu über eine so schöne.
Miriam hätte heulen können. Da war heute schon mal eine Stunde früher Schulschluss und dann so was. Hatte Mama einfach dieses Ding da aus der Stadt mitgebracht.
Schau dir die Neue doch mal an“, sagte Mama. „Die ist doch schön. Die hat mir sofort gefallen. Ich hab eigentlich gedacht, du magst sie auch.“
Miriam verstand nicht, was an dem Ding schön sein sollte. Sicher, die Engel hatten ganz liebe Gesichter, und das Jesuskind sah richtig putzig aus. Aber die Figuren waren überhaupt nicht farbig, einfach nur so aus Holz. Papas Krippe war bunt. Er hatte sie selbst angemalt. Und die Figuren trugen farbige Kleider. Auch die Gesichter waren aufgemalt. Selbst die Tiere sahen schön aus: der graue Esel, der braune Ochse und die schwarz-weißen Schafe.
Ich finde bunte Krippen einfach besser“, sagte Miriam trotzig. „Die hier ist langweilig.“
Mama schaute von Miriam zu der neuen Krippe. Dann steckte sie sie langsam zurück in die Tüte und sagte: „Vielleicht kann ich sie ja zurückgeben.“
Miriam bekam ein schlechtes Gewissen. Jetzt hatte sie Mama die Freude verdorben.
Ich geh Hausaufgaben machen“, sagte sie und verzog sich in ihr Zimmer.
Wenig später hörte sie es im Flur rumsen. Mama hatte Melli also inzwischen aus dem Kindergarten abgeholt. Wo Miriams kleine Schwester unterwegs war, gab es immer einen Höllenlärm. Und jetzt ging auch noch das Geplappere los.
Mama, wo sind meine Hausschu...? Ach, da.“
Mama, was gibt's heute zum Essen?“
Mama, wir haben heute im Kindergarten ganz viel über Weihnachten geredet.“
Mama, der Jan war heute so gemein zu mir. Der hat mich nicht den Ritter spielen lassen.“
Melli redete ohne Unterlass. Wie Mama diese Quasselei nur aushielt?
Plötzlich hörte Miriam Mama rufen: „Nein, Melli, nein! Lass das Zeug stehen, aber sofort. Das ist alles Müll, der in die gelbe Tonne soll. Räum doch nicht alles aus. Oh, Melli!“
Miriam wäre am liebsten hinausgestürmt und hätte Melli eine gescheuert. Aber das durfte sie natürlich wieder nicht. Mama war total gegen Hauen.
Melli, du gehst jetzt in dein Zimmer und spielst dort, bis ich mit dem Kochen fertig bin!“
Endlich wurde Mama mal ein bisschen strenger mit dem kleinen Monster. Aber ob Melli so schnell aufgab? Doch wie durch ein Wunder herrschte plötzlich Ruhe. Miriam hörte, wie Mellis Zimmertür sich schloss. Dann drang nur noch das Töpfeklappern aus der Küche zu ihr.

Als Mama endlich zum Essen rief, war Miriam schon fast fertig mit den Hausaufgaben. Hungrig stürmte sie in die Küche. Mellis Platz war natürlich leer.
Melli, Essen!“, rief Mama nun schon zum zweiten Mal.
Doch nichts tat sich.
Die soll sich endlich beeilen“, murrte Miriam und schielte auf die dampfenden Quarkknödel.
Melli, nun komm aber mal!“
Dass Mama immer noch so nett war zu dem kleinen Monster! Miriam verstand das nicht.
Endlich erschien Melli in der Küchentür. Ihre Wangen waren gerötet.
Kannst du nicht einmal hören, wenn man dich ruft?!“, maulte Miriam. „Ich hab einen Riesenhunger.“
Ich hab was ganz Schönes gemacht“, sagte Melli und schaute mit glänzenden Augen von Mama zu Miriam. „Was ganz Schönes.“
Bestimmt wieder einen schönen Mist!“, spottete Miriam und biss herzhaft in den ersten Knödel.
Dass du nicht netter zu deiner kleinen Schwester sein kannst!“, sagte Mama traurig. „Wenigstens in der Weihnachtszeit könntet ihr doch freundlich miteinander sein!“
Das ist ja für Weihnachten, was ich da Schönes gemacht hab“, platzte Melli heraus und spuckte ein Stückchen Knödel über den Tisch. „Das ist ja was Freundliches. Ich glaub, das gefällt dir auch.“
Und dabei schaute sie Miriam so lieb an, dass die fast schon wieder ein schlechtes Gewissen bekam.
Eigentlich war's eine Überraschung“, sagte Melli schmatzend. „Aber ich glaub, ich zeig's euch doch. Damit ihr euch freut.“
Da bin ich aber gespannt“, sagte Mama. „Gleich nach dem Essen schauen wir uns an, was du gemacht hast.“
Miriam mampfte weiter. Dann strich sie Melli verstohlen über das Zottelköpfchen. Eigentlich mochte sie das kleine Monster ja. Eigentlich sogar sehr. Aber Melli konnte manchmal so schrecklich nerven.
Genüsslich verputzte Miriam einen Quarkknödel nach dem anderen. Als sie gerade dabei war, sich den fünften Kloß auf den Teller zu laden, fing Melli an, unruhig hin und her zu rutschen. Plötzlich sprang sie auf.
Ich bin ja schon fertig, ich kann's ja auch hierher holen. Damit ihr das endlich seht.“
Und ehe Mama etwas sagen konnte, war Melli verschwunden.
Ein paar Sekunden später kam sie wieder zur Tür herein. In ihren Händen balancierte sie etwas, das für Miriam aussah wie ein Haufen Müll. Korken, Papierschnipsel, Jogurtbecher, Schraubverschlüsse, Klopapierrollen und vieles mehr waren in bunter Mischung auf einem riesigen Stück Pappe verteilt. Behutsam setzte Melli das rätselhafte Gebilde ab.
Miriam starrte ihre Schwester ratlos an.
Mama schnappte empört nach Luft: „Du hast dir ja doch alles mögliche von den Sachen genommen. Obwohl ich's dir verboten habe.“
Aber“, sagte Melli fassungslos, „aber schaut doch mal, was das Schönes ist.“ Fast kamen ihr die Tränen. „Ich hab gedacht, ihr freut euch, weil ich uns so eine schöne neue Weihnachtskrippe gebaut hab. Sogar mit Figuren.“
Und dabei zeigte Melli auf ein paar windschiefe Knäuel aus Papier und Alufolie.
Mama und Miriam starrten noch immer.
Das ist das Jesusbaby“, sagte Melli schniefend. „Und das sind die lieben Schäflein. Maria und Josef hab ich extra groß und stark gemacht, weil die ja auf das Baby aufpassen müssen.“
Miriam schaute gerührt auf die beiden Klopapierrollen, denen Melli knallbunte Gesichter aufgemalt hatte. Sie spürte, wie nun beinahe ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Und das hast du ganz alleine gemacht?“, sagte sie und streichelte die kleinen Hände ihrer Schwester, die voller Farbe und Klebstoffresten waren.
Ja, ganz alleine“, sagte Melli stolz und zog geräuschvoll die Nase hoch. „Weil wir drei dann eine neue Krippe haben.“
Miriam sah verstohlen zu Mama.
Die schaute versonnen auf Mellis Werk.
Schön ist deine Krippe“, sagte Miriam. „Schön und bunt. Die find ich wirklich ganz, ganz toll.“
Und dann lächelte sie Mama verlegen zu.
Mama lächelte zurück. Sie sah kein bisschen traurig aus.
Dann haben wir ja unsere Weihnachtskrippe“, sagte sie vergnügt. „Da freu ich mich schon drauf, wenn die unterm Weihnachtsbaum steht. Die neue Krippe für uns drei!“

 
 (Copyright: Heidemarie Brosche)

Weihnachten mag ich weil,...
..dann endlich Ruhe einkehrt und sich - seit die Kleinen groß sind - alle für ein paar Tage treffen. 


Danke Heidemarie!


Der Text ist geistiges Eigentum des Autors und daher liegt das Copyright bei dem Autor.

 

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