Donnerstag, 12. Dezember 2013

Tag 12: Wunder geschehen von Sandra Florean

Guten Morgen :) Ich hoffe ihr habt gut geschlafen! Denn heute geschehen bei uns Wunder, aber seht selbst! Viel Spaß mit Sandra Florean.

Wunder geschehen

Seit ich das erste Mal eine Kirche von innen gesehen und die mir unbekannten Wörter aus dem Munde eines Priesters gehört hatte, glaubte ich an eine höhere Macht, der wir alle entsprungen sind. Ich glaubte an die Zehn Gebote, auch wenn ich mich schwerlich daran hielt, und an Jesus, der für unsere Sünden gestorben ist. Ich musste es nicht verstehen, um daran glauben zu können. Denn ich wollte es. Und ich wollte auch glauben, dass Gott sogar seine missratenen Kreaturen liebte. Dennoch passierte es immer zu Weihnachten, in dieser frohen und besinnlichen Zeit, dass mich meine Missetaten, meine vielen Sünden besonders quälten, und ich betete während der Weihnachtsmesse in der kleinen Kirche von St. George inbrünstig um deren Vergebung.
So viele Seelen hatte ich auf dem Gewissen, und es wurden täglich mehr. Ich war es leid, jedes Jahr aufs Neue diese Last auf meine ewig jungen Schultern zu laden. Hatte ich nicht schon genug Unheil angerichtet? Es wurde Zeit, die Welt von mir zu befreien. Mein Entschluss stand fest: Dieses würde das letzte Weihnachtsfest für mich sein, denn ich würde die letzte aller Sünden begehen.
Nachdem ich genug gebetet hatte, lenkten mich meine Schritte in die Krankenstation des angrenzenden Klosters. Der Gestank des Todes hing schwer in der Luft. Mein ständiger Begleiter, wie es schien. Leise ging ich zwischen den Todgeweihten hindurch, betrachtete ihre ausgemergelten Körper und schweißnassen Gesichter. Als mein Blick auf einen jungen Mann fiel, hielt ich inne. Trotz der Krankheit war er auffallend schön. Er hatte strohblonde Haare und so gefällige Züge, als hätte Da Vinci selbst ihn kreiert. Es tat mir in meiner kalten, müden Seele weh, ein so hübsches Geschöpf vor seiner Zeit welken zu sehen.
Bist du ein Engel?“, fragte er mich mit kranker Stimme.
Ja“, ließ ich ihn in dem Glauben und strich ihm über das volle weiche Haar.
Ich werde sterben, nicht wahr?“
Ich nickte. Er schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete, glitzerten Tränen, kleinen Edelsteinen gleich, darin.
Ich will nicht sterben.“
Nein, wer wollte das schon? Ich selbst hatte nicht sterben wollen. Bis jetzt. Ich war müde, meine Seele war des Lebens überdrüssig, und ich hätte alles dafür gegeben, mit diesem wunderhübschen Jüngling tauschen, seinen Platz im Boot des Fährmannes einnehmen zu können. Ich hatte das Leben wahrlich mit vollen Händen ausgeschöpft. Und was für ein Leben! Ich hatte die schönsten Flecken dieser Welt gesehen, ihre Wunder, ihre Geheimnisse entdeckt. Unruhen hatten mich hin- und hergetrieben, mich immer neue Orte entdecken lassen. Ich hatte in Leben geschwelgt. Es geatmet, in mir aufgenommen und jeden noch so winzigen Tropfen genossen. Und doch zog ich eine Spur des Todes hinter mir her wie ein Schatten, den kein noch so helles Licht zu durchdringen vermochte. Fast schien es, als wäre ich selbst der Tod.
Doch ich konnte auch Leben spenden und hatte es schon einige Male getan. Nur ein winziger Moment blieb, um diese Entscheidung zu treffen. Traf ich sie nicht schnell genug, so war es vorbei. Das Leben war immer schnell vorbei. Wie bei dem kranken Mann vor mir, der in mir einen Engel sah. Plötzlich stand mein Entschluss fest. Er würde leben. Wir würden leben! Denn er würde mich brauchen, um ihm alles zu lehren, was ich wusste. Aufregung durchflutete meine kalten Glieder und erfüllte sie mit neuem Leben.
Nur ein Biss noch, und der Jüngling würde in immerwährender Schönheit neu erwachen. Doch ehe ich mein Geschenk übergeben konnte, hallten aufgeregte Stimmen durch die kahlen Flure, Schritte kamen donnernd näher. Und ich wusste, meine Häscher hatten mich gefunden. Tumult brach aus, und ich hatte die Wahl zu bleiben und meine Tat zu vollenden. Oder zu fliehen, um zu überleben.
Ich floh und rannte aus dem Kloster und der Stadt hinaus. Immer schneller lief ich an Feldern und Äckern vorbei, meine Verfolger hinter mir wissend. Wenn sie mich erwischten, war ich des Todes. Und ich war noch nicht bereit zu sterben. Nicht so und nicht jetzt! Die Nacht neigte sich dem Ende zu, und eine neue Gefahr war geboren. Wenn ich nicht bald ein Versteck fand, würde die Sonne mich finden. Was sollte dann aus dem jungen Mann werden? Wie sollte ich ihn dann noch retten können, um mit ihm gemeinsam ein neues Leben anzufangen?
Als der erste rötliche Streifen am Himmel erschien, grub ich in einer Senke ein Loch, um mich darin zu verstecken. Plötzlich gab der Boden unter mir nach, und ich fiel einige Meter tief in eine unterirdische Höhle. Erleichtert dankte ich Gott für diesen glücklichen Fall, denn wer sonst hatte meine Schritte gerade an diese Stelle gelenkt, wo ich nun in Sicherheit den Tag verbringen konnte?

Als ich am nächsten Abend wieder in das Kloster ging, war der Platz des jungen Mannes leer. Er war tot. Ich hatte sein Leben geopfert, um meines zu retten. Erschüttert fiel ich auf die Knie. Ich weinte bittere Tränen und tiefe Verzweiflung erfüllte mich, bis eine Hand mich aus meinem Selbstmitleid riss. Es war der tot geglaubte Jüngling, und er lächelte voll Güte auf mich herab. Es war keine Spur mehr zu sehen von der tödlichen Krankheit, die ich noch vor wenigen Stunden auf seinem Gesicht gesehen und in seinem Blut geschmeckt hatte.
Wie ist das möglich?“
Er lachte leise, und es klang, als würde ein Engel lachen.
Es ist Weihnachten. An Weihnachten ist alles möglich. Du musst nur daran glauben.“ 


(Copyright Sandra Florean)


Das wolltest du schon immer mal loswerden: 

Glaub an Dich selbst, denn wenn Du es nicht tust, warum sollten es andere tun? ...

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Vielen Dank Sandra!



Der Text ist geistiges Eigentum des Autors und daher liegt das Copyright bei dem Autor.

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