Mittwoch, 11. Dezember 2013

Tag 11: Roses Kurzgeschichte: Heimat



Heimkehr ist etwas Merkwürdiges. Die Freude die Familie und alten Freunde zu sehen überwiegt, aber auf der anderen Seite taucht man erneut in eine Welt ein, von der man sich abgekapselt hat. Die Menschen verändern sich nun mal. Das ist der natürliche Lauf der Dinge. 

Also kommen wir in eine vertraute Fremde zurück. Der Körper erkennt die alltäglichen Abläufe und unser Verstand erinnert sich an die gewohnten Gegenstände, doch der Geist findet die Situation befremdlich und sieht die einstiege Heimat als Absurdum an. Ein Besuch aus Verpflichtung, immerhin haben mich diese Menschen erzogen, sich um mich gekümmert. 

Es gibt sehr viele Arten sich heimisch zu fühlen. Eine schöne Stadt, nette Leute oder das Altbekannte aus der Kindheit kann so ein Gefühl auslösen.

Ich küsse meine Mutter auf die Wange, umarme meinen Vater und strubbel meinen kleinen Brüdern über ihre kurzen verfilzten Haare. Voller liebe atme ich den vertrauten Geruch des alljährlichen Weihnachtsessens ein und entspanne mich auf der Couch. Meine Eltern fragen nach der Uni, was ich gelernt habe und wie es mit den Kommilitonen läuft. Sie servieren mir heißen Glühwein, damit ich mich aufwärme und ich schauen sie mit dankbarer Liebe an. Merke wie viel mir meine Familie bedeutet und überlege mir öfter nach Hause zu kommen. An den Wochenenden, nicht nur zu den großen Feiertagen. 

Genauso könnte es laufen; genauso sollte es laufen. Aber die Realität sieht doch meistens ganz anderes aus. 

Vor dem Haus meiner Familie sitze ich zehn Minuten wie erstarrt im Auto und will eigentlich nicht reingehen. Denn ich weiß ich habe mich verändert, weiß dass meine Familie die alte Pia erwartet, die fort ist. Eine andere Stadt, andere Menschen und ein neues Lebensgefühl haben mich, mich selbst neu entdecken lassen. Also bereite ich mich mental darauf vor zu Lächeln, obwohl mir nicht danach ist, zu Essen, obwohl ich keinen Hunger habe und die gewohnten 0815 Geschichten aus der Uni zu erzählen, die es nicht gibt. 

Wenn ich wirklich ich selbst sein würde an solchen Tagen, würden meine Eltern erkennen, dass ich ihnen im Geiste davongelaufen bin. Dass ihre Tochter eine andere ist, die sie nicht verstehen, von der sie enttäuscht sind. Die sie traurig macht. 

Mit diesem Wissen könnte ich nicht leben. Immerhin liebe ich sie, auch wenn sie mich nicht mehr verstehen. Also steige ich aus dem Auto. Klingel an der Haustüre und falle meiner Mutter überschwänglich in die Arme. Denn trotz der inneren Distanz, kommt doch nach einigen Stunden das alte Gefühl von Familie wieder auf. Es ist ein anderes Gefühl, aber es ist da. Mir wird klar, ich habe nie versucht ihnen die neue Pia vorzustellen, nie versucht ihnen mein neues Leben zu erklären. Und das sagt mir, wir alle haben uns verändert, wir lieben uns immer noch bedingungslos und das alleine ist alles, was zählt. Denn das ist Heimat. Der Ort in dem die Menschen wohnen, die auch noch zu mir stehen, wenn ich es nicht verdient habe.

Weiterhin wünsche ich euch eine schöne Adventszeit. 

Hohoho
Rose

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